Liebe Jury, 
hier findet ihr alle momentan zur Debatte stehenden Filme ggfs. inklusive Screening-Link sowie jeweils aktuell Informationen zum Timing für den 
23. Friedenspreis des Deutschen Films - Die Brücke am Dienstag, 25. Juni 2024. 
Euer Feedback wie immer gern telefonisch und / oder per E-Mail!

EHRENPREIS

NEU**** Ken Loach: The Old Oak

Zusatz (Text Adrian)V
Vielleicht ist es kein Zufall, dass so ein Kämpfer wie Ken Loach Engländer ist: Es ist das Land, das sich als erstes industrialisierte, wo Karl Marx seine Theorien über Wirtschaft und Kapital entwickelte und ein klassenbewusstes Proletariat entstand. Ken Loach hat als Filmemacher und Künstler immer mutig Farbe bekannt – in seinem Fall die rote. Und er zeigt rote Linien auf, die eine Gesellschaft nicht überschreiten darf, ohne unmenschlich zu werden.

Schaut man auf die Protagonisten seiner Filme, dann sind es oft Menschen, die an den Verhältnissen scheitern, dabei selbst nicht immer nur gut sind oder gar Helden, was sie nahbarer, wahrhaftiger macht, als wenn man sie nur heroisieren würde. Und dennoch gibt es den Workingclass Hero auch bei ihm.

Wer Filme von Ken Loach sieht ist am Ende oft erschüttert, aber es schwingt beim Zuschauer immer auch eine Wut mit über die Gesellschaft, die nicht in Resignation beim Zuschauer mündet, sondern in Energie – Veränderungsenergie. Das ist das künstlerische Geheimnis seines neorealistischen Stils, den man englischen Sozialrealismus nennt, man könnte ihn auch einfach Loachismus nennen.

Die Gegner sind hierbei klar gezeigt: Es ist ein Neoliberalismus, ein scheingerechter, zynischer Darwinismus, der nie fair ist, weil die in den kapitalistischen Wettbewerb zwangsweise Geworfenen, niemals die gleich Startchancen haben wie der Profiteur. Ich-AG, Leiharbeit, Billiglohnsektor sind für Loach gleichbedeutend mit Selbstausbeutung und Ausbeutung und Profitmaximierung und Verantwortungslosigkeit auf der anderen Seite. Loachs vorletzter Film „Sorry, we missed you“ ist dafür ein wunderbares erschütterndes Beispiel, der die Abwärtsspirale eines scheinselbständigen Paketausfahrers eines Paketdienstes a la Amazon zeigt, an dessen Ende körperliche Auszehrung und eine nicht nur ökonomisch ruinierte Familie stehen.

Daher sind die Schlüsselbegriffe der Gegenwelt, die Loach entwirft, und die er in der Welt der Abgehängten. Prekären und Gefährdeten findet: Klassenbewusstsein, Solidarität und Menschlichkeit und ein starker Sozialstaat. Wie wenig das bei ihm hohle Begriffe sind oder nur Parolen zeigen alle seine realistischen Filme. In einem der jüngeren kämpft zum Beispiel ein älterer Mann um seine Pensionsansprüche gegen die Zynismen der Bürokratie: „I, Edward Blake“.  Dabei ist Loach aber weder Nostalgiker noch Sozialromantiker. Er behält nur auch gegenüber Alkoholikern und Kleinkriminellen seinen menschlichen Blick – und oft sind auch sie Opfer oder nur Träumer gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens.

Ken Loach ist dabei gar nicht immer bitter oder gar selbst zynisch: Er kann sogar lachen, wie in „The Angel’s Share“, in dem einer Gruppe von jungen Leuten in der Bewährungszeit ein befreiender ökonomischer Coup mit einem Edelwhiskey gelingt. Und sein letzter Film „The Old Oak“ greift das Pub-Sterben auf, das mehr ist als das Schließen von Kneipen, nämlich der Verlust von Gemeinschaftsorten und gelebter Solidarität. Dabei ist Loach eben kein Sozialromantiker, sondern weiß um Konflikte – gerade auch in Zeiten starken Migrationsdrucks. Aber gesellschaftlicher Frieden ist bei Loach – wie in „Bread and Roses“ eben keine ethnische, sondern eine Klassenfrage.

Wer wäre würdiger für einen Ehrenpreis beim Friedenspreis des deutschen Films als einer, der weiß, was in einer Gesellschaft Frieden schafft: ein gerechtes Sozialsystem, ein funktionierendes Gesundheitssystem, ein klassenloses Bildungssystem, ein gerechtes Steuersystem, das das immer weiter Auseinanderklaffen von Reich und Arm verhindert – und ein schützendes Arbeitsrecht und manchmal auch ein geschichtsbewusster Blick in die Vergangenheit, wie seine historischen Filme zeigen. Und nicht zuletzt hier –

 Wie im Irischen Freiheitskampf in „The Wind That Shakes The Barley“ - fordert Loach auch zum Kämpferischen auf.

 

Agniezka Holland: Green Border***WEGEN DREHARBEITEN ABGESAGT
Unfassbar wie vielfältig die Perspektiven auf das Flüchtlingselend an der EU-Außengrenze geworfen werden - von den Fliehenden selbst, die in wenigen Tagen von Bürgerlichen zu völlig Ausgestoßenen werden, Grenzsoldaten, Aktivisten, alles kommt vor und zwingt schonungslos zum Nachdenken. 
>>> TRAILER

Zusatz (Text Adrian)
Von vielen wird behauptet, sie seien Repräsentanten des Humanismus und europäischen Denkens. Aber auf niemanden trifft das so gut zu, wie auf Agniezka Holland – der Regisseurin, die in Polen groß wurde, nach Paris emigrierte, weil das Kriegsrecht in Polen das künstlerisch freie Leben unmöglich machte. Von dieser polnisch-französischen Identität aus, war 1982 ihre erste Regiearbeit in Frankreich ausgerechnet ein „deutscher Film“: „Bittere Ernte“ mit Armin Müller-Stahl als polnischem Eigenbrödler, der aus Eigensucht eine von der Deportation geflohene jüdische Frau versteckt, die von Elisabeth Trissenaar gespielt wird. Und bereits in diesem Drama verschwimmen klare moralische Grenzen, wird der Zuschauer gefordert, kann er es sich im Kinosessel nicht bequem machen. Auch der ihr Film „Hitlerjunge Salomon“ von 1991 war ein schwieriger Stoff. Dass er in Deutschland kontroverser diskutiert wurde und keine deutsche Oscarbewerbung erhielt, während er im europäischen Ausland sowie in den USA gefeiert wurde, ist ein weiterer Beweis, dass Agniezka Holland streitbar ist und Risiken eingeht.

Entscheidend für die Bedeutung Agniezka Hollands ist aber auch, dass sie nicht beim Rückblick auf Historisches stehen bleibt, sondern auch aktuelle ökologische und emanzipatorische Themen aufgreift wie im feministischen Ökothriller „Die Spur“. Ihr Eintritt für Frauen als tragende Säulen der Gesellschaft begründete sie 2017 u.a. so:  „Frauen werden in einem gewissen Alter unsichtbar, nichtexistent und als geradezu störend empfunden. Wenn eine Frau ihre sexuelle Attraktivität verliert, wird sie zu einem Niemand. Die Menschen schauen sie an, aber sehen sie nicht. Wenn sie aber etwas tut, um bemerkt zu werden, löst sie Aggressionen aus.“ Dass in ihren Filmen schon früh auch homosexuelle Beziehungen verteidigt und als durch die Gesellschaft unlebbar gezeigt werden, ist ein weiterer Aspekt der unerschütterlichen Liberalität Hollands. In ihrem bisher letzten Großwerk „Green Border“ gelingt Agniezka Holland noch einmal etwas Großes: In nur gut zwei Stunden wird das gesamte grausame Drama der europäischen Flüchtlingspolitik aufgefächert – von den Fliehenden selbst, die in wenigen Tagen von Bürgerlichen zu völlig Ausgestoßenen werden,  über die politisch instrumentalisierten und zur Unmenschlichkeit gezwungenen Grenzsoldaten, bis hin zu Aktivistinnen und Engagierten, die sich dem Wahnsinn der Unmenschlichkeit entgegenstellen und selbst dabei extrem viel riskieren. Eigentlich wäre „Green Border“ ein Pflichtfilm für alle Europäer, ehe man sich Urteile zum Thema Migration und Flucht erlaubt.

 

INTERNATIONALER REGIEPREIS

Jonathan Glazer: The Zone of Interest ***BESTÄTIGT
Ein Film über den Alltag und die Durchschnitts-Täterpsyche im NS-Staat anhand des Ehepaars Höß. Christian Friedel spielt dabei den Auschwitzkommandanten.
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>>> Schauspielpreis: Christian Friedel

Martin Scorsese: Killers of the Flower Moon
Gerade im Kino: Die zynische Geschichte des Massenmordes an Osage Indianern aus Gier, als in deren Reservat Öl gefunden wurde und der Stamm kurzzeitig zum reichsten Volk der Erde wurde. Der Film ist mit Leonardo DiCaprio und Robert De Niro spitzenbesetzt. (Vgl: AZ Kritik) 
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Matteo Garrone: Io Capitano
Seit Jahren brandaktuell: Der hervorragende Film zeigt die Geschichte zweier Cousins, die sich vom Senegal nach Europa durchschlagen und endet vor Sizilien. Internationaler Preis an Matteo Garrone (von ihm stammt auch die Savianoverfilmung "Gomorrha")?
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NATIONALER REGIEPREIS

NEU**** Julia von Heinz: Treasure
>>> PRESSEHEFT
>>> SCREENINGLINK

lker Çatak: Das Lehrerzimmer
Nicht umsonst deutscher Oscarbewerber. Unfassbar, wie hier alle alles versuchen richtig zu machen und eine katastrophale Abwärtsspirale in Gang setzen: Friedenspreiskandidat , weil es um Zivilcourage, Empathie und Gerechtigkeit geht...
>>> PRESSEHEFT
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SCHAUSPIELERPREIS

Christian Friedel in The Zone of Interest ***BESTÄTIGT

 

DEBÜTPREIS

NEU**** Brandt Andersen: The Stranger Case
>>> SCREENINGLINK: https://screening.mistersmithent.com/login
Login: katrin.strauch@bernhardwickigedaechtnisfonds.de
Password: mse2024

 

SPEZIALPREIS

NEU****20 Tage in Mariupol (Dokumentation)
>>> Film in der ARD Mediathek

NEU****Becoming Nawalny (Dokumentation)
>>> Film in der ARTE Mediathek

Steve McQueen: Occupied City
Umwerfend packender und ungewöhnlicher Dokumentarfilm über die Besetzung Amsterdams im Zweiten Weltkrieg und die Durchführung des Holocausts. Mit Steve McQueen hätte man einen Oscarpreisträger ("Hunger", "12 Years a Slave")
>>> TRAILER

 

 

 

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